ImproVivo – die Story

Corona ist blöd!

Die Pandemie hindert uns noch immer daran, einer unserer Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen und gemeinsam zu musizieren. Nachdem wir unsere geplanten Winterkonzerte nun auch noch mal absagen mussten und auch als Mini-Ersatz bereits ein „Corona-Video“ mit einem Stück aus unserem aktuellen Programm produziert hatten, brauchten wir eine neue Herausforderung.

Auf Inspiration von Katrin Krauß, die den Mitgliedern des Hamburger Blockflötenensembles „Nordwind“ ein Weihnachtsgeschenk in Form einer Improvisationsaufgabe gemacht hatte, wagten wir uns an ein Improvisationsprojekt. Für uns etwas ganz Neues, da wir sonst gerne und fast ausschließlich die vielfältig vorhandene und wunderbare Literatur für Blockflötenensembles interpretieren. Aber die meisten Mitglieder von Flauto Vivo hatten nach anfänglicher leichter Skepsis Lust, sich der Herausforderung zu stellen.

Wir haben uns in unserem wöchentlichen „Anstatt-Probe-Video-Chat“ beraten und geschaut, wie wir ein solches Projekt möglich machen können, denn treffen und gemeinsam probieren, aufeinander reagieren etc. ging ja nicht. Wir wollten aber gerne nahezu das komplette Stück aus Improvisationen zusammensetzen und jeder/m die Chance geben, sich auszuprobieren. Trotzdem brauchten wir natürlich einen „Ground“, an dem sich alle orientieren konnten, denn wir sind ja nicht geübt darin, z.B. nach Akkorden zu improvisieren und ein festes Tempo für alle musste natürlich auch sein, sonst würde am Ende nichts zusammen passen.

Also hat Hartmut (unser Leiter) in einem Notensatzprogramm die festgelegte Akkordfolge (a – G – F – E7) mit entsprechenden Harmonieklängen versehen und etwa 5 Minuten lang als „Playalong“ exportiert. Das war unser Gerüst für die Improvisationen, mit dem wir relativ sicher sein konnten, dass am Ende die meisten Impros gut zusammen funktionieren würden.

Damit wir uns langsam herantasten konnten und auch, damit genügend Material für den „Ground“, der ja Teil des endgültigen Stückes sein sollte, vorhanden sein würde, haben wir uns insgesamt acht „Improvisationsaufgaben“ gestellt. Hier sind sie:

  1. Basslinie mit Schlusston
  2. Basslinie mit Rhythmisierungen
    mit deutlicher Artikulation (z.B. alles in Vierteln oder immer nur die zwei oder immer vier und eins oder Offbeats mit Pausen oder Punktierungen oder oder… )
  3. Harmonielinie mit Schlusston
    Töne aus dem jeweiligen Akkord, auch gerne aufsteigende Linien oder versch. Höhen
  4. Harmonielinie mit Rhythmisierungen
    siehe 3 und 2
  5. Melodie/Improvisation, kleinräumig aber bewegt
    z.B. (!) mit den Tönen a, h, c, d, e
  6. Melodie/Improvisation, großräumig/solistisch
    mit allen Tönen von a-Moll, größeren Sprüngen, schnelleren Tönen, quasi ein „Solo“
  7. Improvisation mit vielen „Löchern“/Pausen/Offbeats
    alle Töne von a-Moll erlaubt
  8. etwas „Verrücktes“
    wilde Triller, Labiumvibrato, viel Nebenluft, über die Löcher blasen, Labium zuhalten, harte kurze Sputati, Glissandi, Spaltklänge, mit Stimme oder oder… mutig sein und meinen, was man tut 😉

Niemand war gezwungen, alle Aufgaben zu erfüllen, aber je mehr Material wir haben würden, desto flexibler würden wir das Stück am Ende „komponieren“ können. Auch Mehrfacheinreichungen pro Aufgabe waren erlaubt. Am Ende hatten wir bei 11 Teilnehmenden etwa 120 einzelne Clips zur Verfügung. Das war super!

Damit die akustisch-technische Qualität ausreichend sein und auch das Video am Ende ein schönes Ganzes ergeben würde, haben wir neben den Aufgaben auch eine Checkliste für die Aufnahmen zur Verfügung gestellt. Trotzdem brauchte jede/r „nur“ ein Handy für die Videoaufnahmen und ein weiteres Gerät inkl. Kopfhörer zum Abspielen des Playalongs. Das haben alle wunderbar gemeistert!

Als nach etwa 4 Wochen alle Einreichungen eingegangen und „gesäubert“ waren (Audioclips aus den Videos exportiert, ggfs. Rauschen entfernt, alles erst einmal auf die gleiche Lautstärke gebracht etc.), konnten wir uns der „Komposition“ widmen.

Hartmut hatte eine recht genaue Vorstellung im Kopf, wie die Dramaturgie unseres Stückes sein sollte, und er und ich (als diejenige mit den technischen Möglichkeiten, nämlich einem potenten Audioschnittprogramm) haben versucht, dieser Vorstellung mit dem vorhandenen Material so nahe wie nöglich zu kommen: ein langsamer Aufbau aus der einzelnen Basslinie heraus, die nach und nach mit den verschiedenen Harmonien und ersten melodischen Impros ergänzt wird und einen ersten kleinen Höhepunkt ansteuert, dann eine eher solistische Phase, dann ein zweiter kleiner Höhepunkt (für den wir so viele Clips wie möglich aus der Aufgabe 7 übereinander gelegt haben), dann eine weitere eher melodisch-solistische Phase, bevor es schließlich zum fulminanten Finale kommt. Das mit dem Schlusston für alle haben wir dann im Laufe des Prozesses verworfen, zugunsten einer einzelnen ruhigen Improvisation am Ende. So hört das Ganze so ruhig auf, wie es auch begonnen hat. Für ein wenig mehr rhythmisch-durchlaufende Struktur haben wir dann noch den Kontrabass und das Marimbaphon aus unserem Playalong auf die passende Länge gebracht und zusätzlich daruntergelegt.

Als Feintuning haben wir einzelne Clips „nach links oder rechts“ verschoben, um auch kleine Stereoeffekte zu bekommen und die Lautstärken der „begleitenden“ Improvisationen entsprechend angepasst. Damit war die Audiospur geschaffen und fertig zur Freigabe durch das Ensemble.

Zum Glück waren alle begeistert 😀

Im nächsten Schritt brauchte ich dann „nur“ noch die entsprechenden Videos zu den ausgewählten Audioclips zusammenzustellen und in einen Film zu verwandeln und voilá, das ist das Ergebnis:

Wir sind sehr stolz!

Wir hoffen, Euch gefällt unser Werk auch. Wir können nur jede/n ermutigen, sich auch solchen im ersten Moment vielleicht schwierigen Aufgaben zu stellen. Damit Corona nicht nur blöd ist, sondern wir alle gestärkt (auf welche Art auch immer) daraus hervor gehen. Denn wir werden uns wieder treffen und wirklich gemeinsam (!) und für Euch musizieren können.

Unsere nächsten Konzerte haben wir für Juni 2021 geplant. Hoffen wir, dass diese auch wirklich stattfinden können. ImproVivo werden wir dort aber sicher nicht aufführen, das wäre dann doch zu aufregend 😉

Falls jemand noch Fragen hat zu ImproVivo und wie es entstand, können wir Euch auch unser Making Of Video dazu empfehlen, dieses seht Ihr hier:

Bis bald, wir vermissen Euch!

Text: Maya Schröder

Mini-Konzert-Ersatz

Damit unsere Fans – und alle, die es noch werden wollen – wenigstens ein klitzekleinesbisschen Konzertfeeling haben können, haben wir ein Stück aus unserem verschobenen Programm unter Corona-Bedingungen eingespielt. Jede/r für sich zuhause. Wir wünschen Euch viel Spaß mit der Fuge g-Moll von W. A. Mozart, KV 401.

Canarie oder Die Liebe in Zeiten von Corona

Liebe Freunde der Blockflötenmusik im Allgemeinen und von Flauto Vivo im Besonderen – wir haben etwas für Euch: unser brandneues Video „Canarie“ – und exklusiv: der Director’s Cut!

Inspiriert zu diesem Werk hat uns der Hamburger Komponist Sören Sieg, der Anfang 2020 einen Video-Wettbewerb zu einigen seiner wunderbaren Kompositionen ausgeschrieben hat. Wir haben ja vor nicht allzu langer Zeit mit unserem Video zu „Spectrum“ Filmluft geschnuppert und waren seither ordentlich angefixt. Da kam uns Sörens Wettbewerb wie gerufen! Ein schönes Stück war schnell gefunden: „Canarie – 12 Variationen über ein altes holländisches Tanzlied“.

Die Canarie ist ein Volkstanz von den Kanaren, bei dem angeblich die Männer, sobald sie erklang, ihre Angebeteten ergriffen und sich über die Schulter warfen, um sie auf die Tanzfläche zu befördern. Bei der Canarie geht es also – richtig: um die Liebe. Auch in die Barockmusik hat die Canarie Einzug gehalten, aber da ging es vermutlich etwas gesitteter zu. Eine Canarie des holländischen Lautenisten Joachim van den Hove (1567 – 1620) inspirierte Sören Sieg zu 12 Variationen für Blockflötentrio, die uns die Freuden und Qualen der Liebe in all ihren Facetten musikalisch erleben lassen.

Wir haben für unser Video einige Variationen ausgewählt und filmisch umgesetzt. Die Aufnahmen entstanden unter erschwerten Bedingungen: Am Drehtag fielen zwei unserer MitspielerInnen wegen Corona-Verdachts aus, so dass wir einige Sätze kurzfristig umbesetzen mussten. Trotzdem haben wir es mit der Kurzversion (Thema und 4 Variationen) im Wettbewerb bei harter Konkurrenz unter die besten zwölf geschafft.

Noch schöner als unseren Wettbewerbsbeitrag finden wir die lange Version, unseren Director’s Cut mit noch 3 Variationen mehr, den es hier zu sehen gibt. Freut Euch auf Flauto Vivo in ungewohnter Kulisse und auf eine herzergreifende Liebesgeschichte zwischen zwei holländischen Blockflöten – natürlich mit Happy End!

Vielen Dank auch an den Wilhelmsburger Windmühlenverein e.V., der uns den Dreh in der wundervollen Windmühle „Johanna“ ermöglichte und an unsere beiden Kameramänner, die diesen besonderen Film überhaupt erst möglich gemacht haben.